Wenn man richtig an die Sache herangeht, wird doch so manches einfacher. Denn: Je komplexer ein Thema, umso mehr Planung sollte man betreiben, bevor man mit dem Schreiben
anfängt. Hat man im bisherigen schulischen "Aufsatzleben" mit der Einstellung "Ich kann das auch ohne Vorschrift und ohne Gliederung" noch "Überleben" können, so gelangt man bei
der Gedichtinterpretation ganz schnell an die Grenzen.
Wieso ist das so?
Gedichte Gedichte erscheinen als sehr einfache, da sehr kurze Texte. Viele haben nur wenige Zeilen. Und dennoch wurden
die Autoren mit ihnen weltberühmt. Es muss also mehr in ihnen stecken als auf den ersten Blick erkennbar ist.
Die Dichter haben manchmal jahrelang an einem Gedicht gearbeitet oder es in späteren Jahren in einer zweiten Variante herausgegeben. Sie feilen an jedem einzelnen Wort,
entscheiden sich für den besten Klang, genau die richtige Akzentsetzung. Wer nur vier Zeilen schreibt, aber etwas aussagen will, muss so arbeiten.
Jahrhunderte später: Ein geplagter Schüler?
Nun kommt der große Moment: Was Goethe schuf, soll in der Deutschstunde Deutschstunde auseinandergepflückt werden. Es gibt keinen Weg daran
vorbei, die nächste Klassenarbeit kommt bestimmt - und im nächsten Schuljahr ist das Thema garantiert wieder dran. Man sollte also aufpassen, sonst hinterlässt der "Mut zur
Lücke" über viele Jahre hinweg "Schönheitsfehler" auf dem Zeugnis.
Wie also vorgehen?
Ganz einfach: Ganz langsam.
Erst einmal das Gedicht lesen. Dann noch einmal lesen.
Während des Lesens schon mal auf den Inhalt, auf Besonderheiten achten. Dabei sollte man alles, was einem auffällt, im Text oder am Textrand markieren oder notieren.
Steht der Text in einem Buch, in das nicht geschrieben werden darf, kann man eine Folie oder Butterbrotpapier darüberlegen und darauf schreiben.
Nachdem man den Text erst einmal "nur so" gelesen hat, geht man systematisch vor.
Betrachtet werden
- formale Aspekte (wie Anzahl der Strophen und Verse),
- der Inhalt,
- sprachliche Aspekte (wie Wortwahl, sprachliche Bilder und weitere rhetorische Mittel Stilmittel ),
- der Klang
- und Zusatzinformationen (wenn man sie hat), etwa zum Entstehungshintergrund.
Zu all diesen Punkten macht man sich Notizen.
Erst wenn man das Gedicht genauestens "in seine Einzelteile zerlegt" hat, kann man es interpretieren. Bei der Interpretation schaut man dann: Was will der Dichter uns sagen?
Wie hängen z.B. Inhalt und Wortwahl zusammen? Wieso wählt der Dichter das eine Wort - und nicht ein anderes? Es muss dafür einen Grund geben. Welche Wirkung hat das Gedicht
durch seine Wortwahl? Wie wirkt es auf den Leser? Jeder Text ist eine Art Kommunikation mit dem Leser. Die beabsichtigte Wirkung beim Leser (z.B. welche Gedanken werden geweckt,
welche Bilder werden wachgerufen?) ist deshalb ebenfalls zu beachten.
Das war's?
Genau. Alles was noch fehlt ist, den Aufsatz zu schreiben. Genau. Bisher sollten nur Notizen gemacht werden. Erst wenn man einen durchdachten Plan hat, kann man mithilfe der
Stichpunkte ganz schnell und unkomplizert den Text zügig verfassen. Wer erst plant und dann schreibt, muss zwischendurch nicht mehr lange überlegen, nichts mehr hinzufügen oder
schlimmer: das Geschriebene durchstreichen und ganze Absätze noch einmal schreiben.
So macht man eine Gedichtinterpretation. |